“Spekulationsobjekt” – ein klassischer Whodunit

“Sie zeigte auf den Tisch, auf dem ein mit rotem Geschenkpapier verzurrtes Päckchen lag. Ich griff danach, löste die Schleife und nahm aus einem der Kuverts ein Blatt Papier. Hochwertiges Papier mit Wasserzeichen, wie ich feststellte.
»Sie werden verkaufen oder bereuhen!«, stand da. Computergeschrieben, 36 Punkt Arial, Laser- oder ein teurer Tintenstrahldrucker. Ich las den nächsten Brief. »Mein LETZES Angebot! 1,1 Mio Euro oder Sie sterben in Ihrer Hüte!« Dieselbe Schrift, dasselbe Papier. Ich sah auf.
»Die anderen?«
»Gleicher Tenor. Es wird nicht besser, aber auch nicht konkreter. Der erste Drohbrief kam vor etwa zwei Monaten, der letzte vorgestern«, seufzte mein Gegenüber und nippte an der Kuh.
»Sind in allen Briefen Fehler?«
Sie nickte. »Der deutschen Sprache mächtig ist mein Erpresser nicht wirklich.«
»Aber er verfügt über Zugang zu einem Computer mit Drucker.« Ich hob ein Blatt hoch, auf dem ‚Ich warte nicht mehr lange! Geben Sie entlich nach!!!‘ stand. »Und dieses Papier gibt es nicht an jeder Ecke zu kaufen.«
»Heißt?«
»Heißt, dass ich damit anfangen werde.«”

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“Die Wut des alten Mannes” – ein kurzer Thriller

“Frühmorgens weckte ihn ungewohnter Lärm. Motorengeräusche, Klirren, Rattern, Rumpeln. Metall schlug auf Metall. Er stand auf, stürzte zum Fenster, riss das Rollo hoch und schaute hinaus. Eine gelbe Karawane, bestehend aus einem Bagger, einem auf einem Tieflader transportierten Kran, zwei schmutzstarrenden Kieslastern und einem verbeulten VW-Bus, zog an seinem Haus vorüber. Ein qualmender, nach Benzin stinkender Unimog aus Nachkriegszeiten bildete die Nachhut. Er zerrte einen klapprigen, mit Spraydose und Schablone zum »Büro« geadelten Wohnwagen hinter sich her.

Die Kolonne bog ab und verschwand hinter Gebäuden. Kurz wurde es still, dann hob die Kakophonie erneut an. Eines nach dem anderen lösten sich die Fahrzeuge aus dem Schatten des Apfelbaums, in den die Nachbarn ein Baumhaus für ihre Kinder gebaut hatten. Natürlich interessierte sich bereits wenige Wochen nachdem es fertig war, niemand mehr dafür, und so hing es mittlerweile windschief in den morschen Ästen. Äpfel trug der vernachlässigte, gequälte Baum schon Jahre nicht mehr.
Die Lastwagen blieben auf dem Brachland stehen, das hinter der nächsten Häuserzeile begann, und luden ihre Fracht ab.”

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“Morgen wirst Du frei sein” – Thriller

“Als ich zu mir kam, lag ich auf dem Küchenboden. Vor mir, nicht einen Meter entfernt, meine Mutter. Ihr rechtes Auge war halb geschlossen, das linke glotzte mich an. Das Gesicht wirkte so verrutscht wie der Bademantel, der den Blick auf ein geblümtes Nachthemd und das faltige Dekolletee freigab. Die Haut zerknülltes Wachspapier, die Haare wie vom Sturm zerwühlt.
Ich schaute weg.
Ein Messer lag unter dem Tisch. Ich erkannte es, es steckte für gewöhnlich in dem hölzernen Messerblock an der Spüle. Es war jenes, das mein Vater verwendet hatte, um Gulasch zu schneiden.
Es hatte braune Flecken.
Ich hatte niemals eine Leiche gesehen. Jetzt hatte ich zweifellos eine vor mir.
Ich drehte den Kopf und sah das Blut. Nicht viel, aber deutlich erkennbar auf dem weißen Frottee.

Ich hatte keine Ahnung, was passiert war.
Ich erinnerte mich nicht an einen Streit zwischen uns, nur an die Nachrichten. Es ging um den Euro, um die Krise in Griechenland, um eskalierende Demonstrationen in Spanien. Die Kanzlerin rief zu Besonnenheit und Sparsamkeit auf. Die Versuche Irans, ein Atomkraftwerk zu bauen, waren ebenfalls ein Thema. Der Wetterbericht fehlte bereits in meiner Erinnerung.
Meine Mutter brühte sich an kühlen Abenden Kräutertee. Aber was wollte ich in der Küche?
Ich schauderte, konnte mich aber nicht abwenden. So blieb ich unbeweglich dort auf dem Fliesenboden, fror, begann zu zittern, dann zu weinen.
Ich fühlte zu viel, um mit diesem Aufruhr in meinem Inneren umgehen zu können. Einsamkeit. Verzweiflung. Schuld. Angst. Doch als ich meine Mutter da liegen sah, still und stumm, stellte sich ein weiteres Gefühl ein.
Erleichterung.
Und das löste Panik aus.”